Heinrich Laber

files/Heinrich-zur-Treue/images/persons/laber.gifHeinrich Laber wurde am 11. Dezember 1880 in Ellingen/Bayern geboren. Die nur knapp 2500 Einwohner zählende Gemeinde hatte allein am 23.02.1945 durch einen sinnlosen Bombenangriff 106 Tote zu beklagen. Labers Geburtshaus war wie durch ein Wunder verschont geblieben. Es wurde jedoch in den 60er Jahren abgerissen und durch einen Neubau im alten Stil ersetzt.

Seine Eltern waren der Schuhmachermeister Heinrich Laber (sen.) und dessen Gattin Anna, geborene Forster. Der kleine Heinrich hatte noch acht Geschwister. Es ist aus seiner Schulzeit überliefert:"Bereits mit neun Jahren drängte es ihn, das Opfer des täglichen Übens in den Instrumentalfächern Violine und Klarinette geduldig auf sich zu nehmen."

Seine Kindheit und Jugend verbrachte Heinrich Laber in Ellingen. 1905 zog die Familie in die Landeshauptstadt München um, vorher hatte Heinrich Laber seine Studien in München begonnen. Er studierte an der bekannten "Akademie der Tonkunst" in München. Der begabte Student Laber beendete seine Studien mit den Noten "Eins" und mit "Auszeichnung". Seine Lehrer waren bekannte Musikexperten wie Felix Mottl, Berber, Gluth, Kellermann und Anna Langenhan-Hirzel (Klavier). Bei Felix Berber erhielt Laber Ausbildung im Fach "Violine". Berber war vor seiner Münchner Lehrtätigkeit Konzertmeister des Leipziger Gewandhausorchesters gewesen und gleichzeitig war er der Leiter eines damals sehr bekannten Streichquartettes.

Laber wurde einer der Meisterschüler des berühmten Dirigenten Felix Mottl, der nach einer erfolgreichen Opernkapellmeisterlaufbahn auch Direktor der Münchner Akademie der Tonkunst war, später auch musikalischer Leiter der Münchner Oper.

Mottl galt als genialer Dirigent. Laber hat mit Sicherheit viel von seinem Lehrer und Vorbild profitiert. Später rühmten die Kritiker fast einmütig, daß Laber als Dirigent "sich in vollkommener Einheit von Führen und Nachgeben bewege, einer sich bewährenden Kunst der Solistenbegleitung." Labers Geraer Konzertmeister Hanns Keyl, der unter Toscanini in Bayreuth spielte, sagte 1956, sechs Jahre nach Labers Tod: "Ja, unser Heinrich, das war ein Dirigent, mitreißend, ohne eitle Anwandlung und Pose." Ein spontanes Kompliment, von einem Musiker, der Laber durch viele Jahre gemeinsamen Musizierens genau kannte.

Auch Berthold Kellermann, der von 1873-1878 Schüler Franz Liszts in Weimar gewesen war, gab seine Erfahrungen und Kenntnisse an den jungen, talentierten Laber weiter.

Erste Erfolge, zum Teil während seiner Ausbildung, hatte sich Laber als 1. Geiger im Münchner "Kaim-Orchester", bekannt für die "Volkssinfonie-Konzerte", errungen. Ein vorangegangenes Probespiel hatte sofort von Labers außergewöhnlichen musikalischer Begabung überzeugt.

Anschließend war Heinrich Laber Konzertmeister in den Orchestern der Stadttheater in Bern, Augsburg und Baden-Baden tätig. In Baden-Baden machte er die Bekanntschaft Max v. Schillings, dieser war auf Labers außergewöhnliche Begabung aufmerksam geworden. Er riet ihm, sich doch ganz der Dirigentenlaufbahn zu widmen. Max Reger selbst machte mit Laber längere Konzertreisen.

Außergewöhnlich erfolgreich waren dann Labers Konzerte im Jahre 1912 in München, Leipzig und Berlin.

Man prophezeite dem jungen Dirigenten eine erfolgversprechende Zukunft. Er beschloß nun, v. Schillings fachmännischen Rat zu befolgen.

Er wird Kapellmeistervolontär am Stuttgarter Hoftheater. 1913 übernimmt er als erster Dirigent den sehr bekannten und leistungsstarken "Nürnberger Lehrergesangsverein". Dieser traditionsreiche Gesangsverein besteht auch heute noch. Durch sein Mitwirken bei großen musikalischen Aufführungen ist er bis in unsere Tage ein bedeutender Bestandteil des Nürnberger Musiklebens.

Seine umfangreichen Erfahrungen waren durch die Tätigkeiten in Stuttgart und Nürnberg gefestigt. Laber hatte sich auch hier mit sprichwörtlichem Engagement und mit sicherem musikalischen Intellekt allseitige Anerkennung erworben.

Am 01.01.1914 wurde er von Fürst Heinrich XXVII. Reuß als Hofkapellmeister für die Geraer "Fürstliche Hofkapelle" berufen. Der Klangkörper hatte einen guten Ruf.

Die kunstsinnige Fürstenfamilie Reuß j.L. Gera hatte maßgeblichen Anteil am Bau des nach der Jahrhundertwende im Jugendstil erbauten Hoftheaters am Küchengarten. Der im Gebäude integrierte Konzertsaal zählt zu den schönsten Deutschlands. Der schöne Theaterbau wurde von einem der bekanntesten Theaterbaumeister der damaligen Zeit, von dem in Zeulenroda/Thüringen geborenen und in Berlin wirkenden Architekten Prof. Seeling entworfen.

Laber prägte bald das Orchester nach seinen Vorstellungen. Die Einführung der Oper am "Reußischen Theater" gab ihm die Möglichkeit, den Klangkörper zu verstärken und auch zu verjüngen. Dadurch vergrößerten sich ebenfalls die Aufführungsmöglichkeiten der Orchesterliteratur erheblich. Die Konzerte der Geraer "Musikalischen Gesellschaft" fanden ebenfalls unter seiner Leitung statt. Sprunghaft stieg die Anzahl der Konzerte von jährlich 10 auf 16 und schließlich auf 22, eine stattliche Anzahl für eine Stadt der Größe Geras. Thomaskantor Karl Straube wurde als Solist für ein Konzert Labers in Gera gewonnen. Straube war einer der ersten, der Regers Orgelwerke bevorzugt in sein Repertoire aufgenommen hatte. Der gute Ruf des ausgezeichneten Instrumentalensembles drang nach außerhalb. Ein Konzert, 1916 in der Berliner Philharmonie gegeben, wurde ein außerordentlicher Erfolg für das Geraer Ensemble und seinen Dirigenten.

Es folgten die ersten Auslandstourneen zu Musikfesten in Sofia und Konstantinopel. Die Presse feierte den deutschen Klangkörper überaus wohlwollend. In Konstantinopel folgte ein Konzert im Freien, 30.000 Zuhörer schätzte man. Der regierende Sultan war so begeistert von den musikalischen Darbietungen, daß er ein Sonderkonzert für seine Haremsdamen veranstalten ließ. Ein Kritiker bemerkte zu diesem etwas ungewöhnlichen Publikum, daß die Damen auch während des Konzertes streng bewacht wurden, also selbst bei dem ihnen gebotenen Kunstgenuß sich nicht frei bewegen konnten. Ob zu diesem "Sonderkonzert" eine abweichende Programmfolge geboten wurde, ist uns leider nicht überliefert.

Eines seiner ersten großen Konzerte war ein "Festkonzert", von 128 Musikern bestritten. Von Laber wurden alle Sinfonien der "Drei großen B", also Beethoven, Brahms und Bruckner, zum Teil mehrmals, in Gera zu Gehör gebracht. Zwei Beethoven-Feste wurden 1920 und 1927 in Gera veranstaltet.

Bruckners 6. Sinfonie hatte Laber anläßlich eines Musikfestes in Paris zur Erstaufführung gebracht. Ein 1919 in Gera veranstaltetes "Modernes Musikfest" wurde in Deutschland bekannt. Auch dem in Gera seit 1852 wirkenden Kapellmeister und Komponisten Tschirch wurde ein "Festkonzert" gewidmet. Tschirch war aus Schlesien nach Gera gekommen und hatte in 38- jährigem, verdienstvollem Wirken großen Anteil an dem guten Ruf Geras als Musikstadt.

Auch Labers Vorgänger, Prof. Karl Kleemann, ein gebürtiger Rudolstädter, wurde von Laber als Solist verpflichtet. Kleemann galt als exzellenter Pianist und war über die Theater Recklinghausen und Dessau als musikalischer Leiter an das damalige "Reußische Theater" nach Gera gekommen.

Doch auch die Kammermusik wurde von Laber gefördert. Durch seine Leipziger Konzerte hatte er das "Leipziger Gewandhausquartett, das Berliner Havemann-Quartett, das Rosen- Streichquartett und 1924 das Frankfurter Amar-Quartett" nach Gera eingeladen.

Am 29.11.1916 fand ein Gedenkkonzert für Max Reger in Gera statt. Solist war der bekannte Thomaskantor Karl Straube. In dem "Modernen Musikfest" 1919 wurde Max Regers "Suite im alten Stil" in Gera dem Konzertpublikum bekanntgemacht. Dieses Konzert fand Beachtung und Anerkennung in der gesamten deutschen Musikwelt. 1920 erfolgte Labers Ernennung zum Professor. Auch wurde er in die Musikverständigenkammer Thüringens berufen, arbeitete als Bundeschormeister des Sängerbundes und als Städtischer Musikbeauftragter der Stadt Gera und in anderen Fachgremien aktiv mit. Seine Tätigkeiten und später auch seine Auslandsgastspiele wurden mit zahlreichen Orden und Auszeichnungen honoriert.

Als Operndirigent hatte Laber bald einen herausragenden Ruf. So war er während seiner Geraer Anstellung zusätzlich für je zwei Jahre Operndirigent am Stadttheater Plauen, das sich bald eines guten Rufes erfreute, und viele damals bekannte Sänger gehörten zum Ensemble.

Auch am Landestheater Coburg war er für zwei Spielzeiten ein gern gesehener Operndirigent.

Die Gastspiele der Dresdner Semperoper in Gera und Eisenach wurden ebenfalls unter Labers Dirigat erfolgreich. Zu dieser Zeit gastierten in Gera zu Gastspielen herausragende Sängerpersönlichkeiten wie Elisabeth Rethberg, Siegrid Onegin, Carl Erb, Rudolf Bockelmann und andere.

Als Pianisten und Liedbegleiter waren es Josef Pembaur, Elly Ney, Mitja Nikisch, Claudio Arrau, Lubka Kolessa und Georg Kulenkampf (Violine) welche die Herzen der Zuhörer im Sturm eroberten.

Doch auch die modernen und zeitgenössischen Komponisten wurden in Labers Konzerten außerordentlich berücksichtigt. War es in Leipzig Hermann Zilcher, dessen Komposition "Nacht und Morgen" (für zwei Klaviere, Streichorchester und Pauken) am 25.11.1919 unter Laber zum ersten Mal aufgeführt wurde, war es in Gera Albert Zabel (geb. 1835, wirkte in St. Petersburg), dessen "Legende für Harfe" zum ersten Mal in Gera am 7. Februar 1919 aufgeführt wurde. Zu diesem Konzert wurde auch Hans Pfitzners Vorspiel 1 zu "Das Fest auf Solhaug", sowie Brahms 4. Sinfonie und die Tondichtung "Tod und Verklärung" von Richard Strauß dem Geraer Publikum dargeboten.

Labers eigene Komposition, das Chorwerk "Lied des Lichtes" wurde ebenfalls in Gera aus der Taufe gehoben. Geplant hatte er noch eine Oper und ein Oratorium, die wahrscheinlich nicht vollendet wurden.

Ein außerordentlicher Erfolg wurden die schon erwähnten Konzerte in der Leipziger Alberthalle. Dieses heute nicht mehr vorhandene Bauwerk soll 5 000 Plätze gehabt haben. Labers Konzerte waren mit durchschnittlich 3 000 Konzertbesuchern sehr gut besucht. Der Gewandhauskapellmeister Arthur Nikisch hat die Konzerte Labers öfter als Zuhörer besucht und soll auch mit Laber schriftlich in Verbindung gestanden haben. Dies ist nicht ausgeschlossen, da ja Laber auch mit Richard Strauß korrespondiert hatte, wie später aufgefundene Briefe belegten.

Die Konzerte für die "Musikalische Gesellschaft" in Leipzig beliefen sich allein auf 65, im Zeitraum von 1917 bis zum 20. März 1922. An diesem Tag fand das triumphale Abschiedskonzert in Leipzig statt, stürmische Ovationen und "Auf Wiedersehn"-Rufe verabschiedeten das Orchester aus der "Provinz" und seinen verdienstvollen Leiter. Über fünf Jahre lang hatten sie regelmäßig und mit hohem Niveau das Konzertleben der Kunst- und Messestadt bereichert. Die Leipziger Konzertbesucher und auch die Pressestimmen bedauerten das Ende dieser Konzertreihe. Am 23. Januar 1922 war Arthur Nikisch verstorben, so daß das Jahr 1922 für das Leipziger Konzertleben kein sehr günstiges gewesen ist.

Insgesamt hat Laber in Leipzig ca. 95 Konzerte gegeben. Er war öfters noch als Gastdirigent in der Stadt, zu der er zeitlebens eine große Verbundenheit bewahrte.

Auch eine große Anzahl von Rundfunkkonzerten fanden unter seiner Leitung statt. Die zeitgenössischen Komponisten förderte er hier zielstrebig, ebenso weniger bekannte junge Musiker und Komponisten.

Von Walter Braunfels wurden am 11.11.1919 in der Alberthalle "Drei chinesische Gesänge" für Sopran und Orchester und am 9.1.1922 im Geraer Konzertsaal "Phantastische Erscheinungen eines Themas von Hektor Berlioz" für großes Orchester aus der Taufe gehoben.

Unter den vielen Erst- und Uraufführungen sei noch Paul Graener erwähnt, dessen Symphonie in D-Moll op. 30 unter Labers Leitung geboten wurde.

Beethovens "Neunte" wurde von Laber während seiner Dirigentenlaufbahn 25 Mal gebracht. Denkwürdig blieb auch die erwähnte Leipziger Darbietung mit den Gesangssolisten Else Pfeifer- Siegel, Frieda Schreiber, Emil Pinks und Hjalmar Arlberg. Wie bereits angedeutet, war Laber als Operndirigent gefragt. Sein sängerführendes Dirigat, welches als "selten erreichte Einheit von Führen und Nachgeben" von der Kritik bewundert wurde, bewährte sich stets aufs neue.

Je zwei Jahre leitete Laber neben seiner Geraer Konzerttätigkeit nach Beendigung der Leipziger Konzertreihe 1922 die Opernaufführungen am Stadttheater Plauen und am Landestheater Coburg, wie schon erwähnt wurde.

In einer kurzen Auswahl sollen einige Höhepunkte in seinem umfangreichen Schaffen aufgeführt werden, die bei der damaligen Presse als mustergültig oder sehr gelungen herausgehoben wurden:

Verdis "Requiem", Händels "Belsazar" ("übermächtige Erlebnisstärke durch dramatisch-plastische Herausarbeitung "), Bruckners Chorwerke, Große Messe, Tedeum und Bearbeitung des 150. Psalms, Mozarts "Große Messe in C-Moll", Franz Liszts "Heilige Elisabeth", Haydns "Schöpfung" und "Die vier Jahreszeiten", Robert Schumanns "Paradies und Peri", Franz Schuberts "A-Dur Messe", "Max Regers "Requiem" und Bearbeitung des 100. Psalms, Brahms "Deutsches Requiem".

Hans Pfitzner:"Das dunkle Reich" und "Kantate von der Deutschen Seele", 

Artur Honnegger:"König David"

Joseph Haas: Volksoratorium von der "Heiligen Elisabeth".

Ausländische Städte, in welchen Laber als Dirigent große Erfolge verzeichnete: 

Wien, Paris (Erstaufführung von Bruckners 6. Sinfonie für Frankreich), Warschau, Budapest, Lausanne, Madrid, Barcelona, Bilbao, Brünn und Haarlem.

Erfolgreiche Dirigate, zum Teil mehrmalig, in:

Leipzig, Berlin, Dresden, München, Frankfurt/Main und Düsseldorf.

Weitere Stationen als Gastdirigent in weiteren deutschen Städten:

Duisburg, Schwerin, Rostock, Hannover, Erfurt, Kassel, Marburg, Darmstadt, Mannheim, Würzburg, Chemnitz, Bamberg, Magdeburg und Nürnberg.

Laber war als Gastdirigent zu Rundfunkkonzerten eingeladen, zumeist in Leipzig, jedoch auch bei anderen deutschen Rundfunkanstalten.

Bei einer Orchesterprobe zu Pfitzners "Kantate von der deutschen Seele" wurde er von einem Nervenzusammenbruch befallen. In immer kürzeren Abständen wiederholten sich die Anfälle. Krankheitsbedingt mußte er 1942 nach längerer Krankheit von seinem geliebten Beruf Abschied nehmen.

Am 2. März 1950 erlag er einem Herzversagen. Gera und die ganze Musikwelt hatten einen außergewöhnlichen Musiker verloren. Er wurde auf dem Geraer Südfriedhof zu Grabe getragen.

In Gera erinnert eine Straße in Theaternähe an ihn, von dem die Presse schrieb, daß hohe menschliche Qualitäten in selten glücklicher Verbindung ihn mit hoher Musikalität befähigten, Außerordentliches zu leisten. Heinrich Laber hatte auch das große Glück gehabt, daß seine Musikalität, gepaart mit Fleiß, durch hervorragende Lehrer gefördert wurde.

Im Geraer Musikleben wurde Georg C. Winkler sein Nachfolger. Als dieser nach Sondershausen ging, wurde der Grazer Dirigent Karl Fischer nach Gera berufen. Im Spätsommer 1944 wurden die Theater- und Konzertveranstaltungen ganz eingestellt. Goebbels hatte großspurig verkündet:"Wenn der Krieg rast, haben die Musen zu schweigen".

Laber blieb als Mensch und Künstler unvergessen. Er setzte künstlerische Maßstäbe. Bedingt durch den Krieg und die Nachkriegswirren mit der deutschen Teilung geriet dessen außerordentliche Musikerpersönlichkeit etwas in Vergessenheit.

Da er sich in ganz Deutschland und im Ausland bleibende Verdienste erwarb, sollten wir uns heute an diesen außerordentlichen Künstler in Dankbarkeit erinnern.

Diese Darstellung erfolgt durch fast vollständige Übernahme eines Skriptes von Herrn Hetzer, Mitglied des Geraer Kulturkreises